Andreas Kasperski im Interview mit MojitoPapers
MENSCHEN POLEN

Leidenschaft, Respekt und…

Eine Tour durch Danzig mit mit Andreas Kasperski

Andreas Kasperski im Interview mit MojitoPapers

Vorwort

Wenn du das Reisen und Unterwegs sein genauso liebst wie ich, dann bin ich mir sicher, dass du mir in folgender Aussage zustimmen wirst: Die Begegnung mit anderen Menschen und der Austausch mit ihnen gehören zu den schönsten und prägendsten Momenten einer Reise.

So schön die Natur auch sein mag und so gut es tut, einfach mal ganz allein zu sein, so bereichernd ist doch die Begegnung mit einem Menschen, die einen Eindruck in dir hinterlässt. Dich vielleicht zum Nachdenken anregt. Oder zum Träumen. Oder die dich jedes Mal zum Lachen bringt, wenn du an sie denkst. Eine Begegnung, die etwas Bleibendes in dir zurücklässt und ein Teil von dir wird. Die dich bereichert. Dich vielleicht sogar ein Stück weit verändert.

Es gibt so viele tolle Menschen auf der Welt. Menschen, die durch ihre Lebensweise eine bunte und offene Welt ermöglichen. Die sich mit Leidenschaft einer Aufgabe und dem Leben widmen. Die bereit sind, anderen zu geben und zu teilen. Menschen, die die Menschheit liebenswert machen. Die in mir die Hoffnung aufrecht erhalten, dass diese Menschheit den Karren doch nicht vollends gegen die Wand fahren wird. Menschen und Begegnungen mit ihnen, an die man sich gerne und dankbar erinnert.

Dabei muss die Begegnung mit diesen Menschen nicht voller epischer Geschichten stecken oder das eigene Leben um 180 Grad drehen. Oft sind es flüchtige Begegnungen und unscheinbare Momente, die in Erinnerung bleiben. Und oft weißt du vielleicht noch nicht einmal den Namen der Person, die dir dieses bleibende Stück Zeit geschenkt oder dich inspiriert hat.

Einige dieser Menschen, die ich unterwegs getroffen habe und kennenlernen durfte, möchte ich in der Rubrik „Menschen“ hier auf MojitoPapers vorstellen bzw. selbst zu Wort kommen lassen.

Menschen bei MojitoPapers

Den Gedanken, dass ich auch gerne Menschen, denen ich unterwegs begegne, hier auf Mojitopapers zu Wort kommen lassen möchte, trage ich seit Gründung dieses Blogs mit mir herum. Aber irgendwie kam es dann doch nie so richtig dazu. Bis ich neulich etwas Zeit in Danzig verbringen durfte und einen Tag davon mit Andreas Kasperski, der in Danzig lebt und als Guide arbeitet, in seiner Stadt unterwegs war.

Andreas liebt Danzig und kennt sich in der Dreistadt nicht nur bestens aus, sondern teilt seine Leidenschaft für die Stadt und ihre Menschen aus vollem Herzen mit jedem interessierten Menschen. Und so wurde aus unserer auf „ein paar Stunden“ angesetzten Tour eine elfstündige, tief beindruckende Wanderung durch Danzig.

Dabei hat mir Andreas nicht nur die Stadt und ihren besonderen Vibe vermittelt, sondern mich auch daran erinnert, wie wichtig es ist, die Dinge, die man tut, mit Leidenschaft zu tun. Und noch etwas ist mir während dieses Tages in Danzig klar geworden: Dass es Menschen wie Andreas sind, die diese Welt bereichern, weil sie Werte wie Freiheit und Respekt täglich leben und sich den Dingen, die sie tun, mit Leidenschaft widmen. Deshalb freue ich mich sehr, die neue Rubrik „Menschen“ hier auf MojitoPapers mit Andreas als Interviewpartner eröffnen zu können!

Andreas Kasperski über Danzig, Freiheit und Identität

Andreas, was ist das Besondere an Danzig im Vergleich zu anderen polnischen Städten?

Ich würde sagen, in erster Linie unser eigener Weg, den wir gehen. Den Weg der Freiheit. Wir nennen uns ja auch ‚Die Stadt der Freiheit‘. Die Geschichte, die das ausmacht, sowohl die vor als auch die nach dem Kriege. Der Anfang der Solidarność, die dazu geführt hat, dass die Sowjetherrschaft in Polen zuerst vorbei war in allen Ostblockländern. Und dann jetzt die Entwicklung nach der Wende mit dem neuen Bewusstsein. Dass wir zum Beispiel weltoffener sind als der Süden Polens, ohne das jetzt abwertend zu meinen, aber es ist nun mal so. Das ist das, was mich fasziniert. Und heute jetzt auch diese Mischung aus alt-modern, aus alternativ und in Aufbruchsstimmung, all das, was sich jetzt gerade entwickelt. Das ist jetzt für mich persönlich gerade die schönste Entwicklungsphase seit der Wende. Ein Punkt, wo wir endlich sind, wie wir sein möchten und uns trotzdem nicht unter Druck setzen lassen von oben oder irgendwelcher Propaganda verfallen. Also: Mischung aus alt und neu und Wir-machen-was-wir-lieben. Diese Mischung macht es.

Und was macht Danzig zu deiner Stadt?

Genau das. Ich bin hier geboren und ich liebe es. Ich sag ja immer, wenn man schon in Polen leben muss, dann nur Danzig und Zoppot, weil die Städte eben anders ticken. Genauso wie die Menschen hier. Du findest hier kaum einen Menschen, der die heutige rechte Regierung unterstützt. Wir kämpfen für Flüchtlinge, machen die Städte bunt und lebenswert. Die Menschen hier lassen nicht zu, dass die Politik sie ständig instrumentalisieren möchte. Auch heute, bei unserer Tour, habe ich dir nicht nur verschiedene Orte gezeigt, sondern mit dir auch mein Danzig noch mal wieder ganz nah erlebt. Ich konnte dir Plätze zeigen, die ich liebe. Und die gab es eben vor 20 Jahren noch nicht. Die haben wir erst für uns erschaffen. Und das macht es zu meiner Stadt.

Wenn Polen tatsächlich politisch abstürzt sollte, hau ich ab nach Berlin. Dann wird Berlin meine Stadt. Weil die dort schon seit Jahren so leben, wie ich und meine Freunde es lieben. Einige von ihnen sind jetzt schon in andere, liberalere Länder ausgewandert. Aber ich sage ‚Nein‘, ich gebe meine Stadt und das, was wir jetzt in den Jahren erreicht haben, nicht auf. Man darf nicht aufgeben, weil darauf hoffen die ja nur.

Und deshalb warte ich bis zur nächsten Wahl. Wenn sich da herausstellen sollte, dass wir verlieren und das Ergebnis ist nicht durch irgendwelche Tricks oder Wahlverfälschungen zustande gekommen, dann ziehe ich tatsächlich nach Berlin. Aber momentan ist meine Welt hier und meine Stadt ist eine offene und das darf man nicht so leicht aufgeben!

Du hast da „Freiheit“ auf deinem Arm tätowiert. Was genau bedeutet Freiheit für dich?

Freiheit ist für alle da. Freiheit bedeutet so zu sein, wie man ist. Be yourself. Du kannst alles ausleben, ob es dein Fetisch ist oder deine politische Meinung. Du kannst selbst ein Rechtsradikaler sein, aber mit Respekt für die anderen. Ich will, dass jeder in Freiheit lebt, sich selbst treu sein kann, aber mit Respekt für den anderen. Wenn du mir jetzt sagen würdest ‚ich bin ein Rechter‘, dann sag ich ‚toll‘, weil du ein fantastischer Mensch bist.

‚Freiheit für alle‘, das ist das, was ich immer sage, wenn Freunde zu mir nach Hause kommen in meine Küche, die sich ‚Café La Bohème‘ nennt. Ich sage immer, ‚fühlt euch wie zuhause‘, aber ich meine es auch so. Da gibt es keine Regeln. Wenn du willst, kannst du auf dem Tisch schlafen oder in der Badewanne sonst was machen, Freiheit für alle. Niemandem etwas verbieten. Sei du selbst, fühl dich frei. Und deshalb ist Freiheit so wichtig. Schließlich haben wir hier lange für die Freiheit gekämpft.

Ich möchte noch mal kurz auf Danzig zurückkommen. Was sollte ein Besucher der Stadt auf gar keinen Fall verpassen?

Hui! Na, dass sind all diese Orte, die ich dir heute gezeigt habe. Er sollte sich auf keinen Fall nur auf die Innenstadt konzentrieren. Er sollte schon mal da durch, um zu sehen, wie durch Zufall die Stadt nicht gänzlich plattgemacht wurde – wie viele andere ehemals deutsche Städte im heutigen Polen –, sondern man sie schon damals so annähernd wie es nur ging wieder aufgebaut hat, auch wenn eine andere Ideologie dahinterstand. Aber es ist doch schon bewundernswert, dass wir hier in der Innenstadt keine Plattenbauten finden.

Und dann sollte man offen sein für den Rest der Stadt. Also für die alten Stadtteile um die Innenstadt herum, die nicht zerstört waren und nur durch knapp 70 Jahre Vernachlässigung teilweise verfielen.  Aber jetzt werden diese Stadtteile saniert. Und es sind ja nicht nur – und das ist das allerschönste – Fassaden, die im neuen Glanz erscheinen, sondern auch die Menschen, die hinter diesen Fassaden leben. Es gibt Stadtteil- und Bürgerinitiativen; du kannst dich in jedem dieser Stadtteile wohlfühlen. Zum Beispiel das Günter-Grass-Viertel: Dort herrscht heute eine völlig andere Stimmung als vor einigen Jahren noch. Du findest Flohmärkte, Cafés und jede Menge buntes Treiben in den Straßen.

Du gehst in die Niederstadt, teilweise verfallene Häuser, aber auch hier schon alternative Cafés und Stadtteilläden. Überall entsteht ein Leben. Jeder kann sich jetzt seine Welt aussuchen und die Stadt bietet für jeden etwas. Wenn man besonders schick sein will, dann zieht man halt nach Zoppot. Ist auch toll! Wir haben jetzt alles in einem, das ist das Schöne.

Die Werft natürlich, mit ihren Street-Food-Containern und den Clubs; auf keinen Fall verpassen!

Und am besten zwischen Mai und September kommen. Es sei denn, man mag den romantischen Herbst, mit dem fallenden Laub und weniger Menschen. Die Winter sind hier leider meistens nicht mehr so schön, sondern eher grau.

Hast du Orte in der Stadt, an denen du dich besonders wohlfühlst?

Ja. Das ist einmal natürlich die ‚Hundegasse‘, die ‚Organa‘ heute. Weil da wohne ich ja und da gibt es auch viele neue Restaurants, wohin sich die Leute kaum verlaufen, weil sie alle in der ‚Langgasse‘ hängen bleiben. Dahinter hast du das Shakespeare Theater, auch wieder einmalig von der Architektur und den Veranstaltungen her. Daneben hast du mitten in der Stadt Grünflächen, wo die Leute flanieren, im Gras chillen und mit ihren Hunden spazieren gehen… Also das ist meine Ecke, weil ich da lebe, weil sie noch ein bisschen unterschätzt wird und immer schöner wird.

Dann natürlich die Niederstadt. Das ist für mich ein Paradies mitten in der Stadt. Und die Werft. Das sind so meine drei Lieblingsecken.

Wenn es dann in der Stadt sein sollte, dann natürlich abends die ‚Lawendowa‘ [siehe Artikel „Craft Beer in Danzig„; Anmerkung MP] an den Markthallen.

Du bist in Danzig geboren worden. Deine Mutter war Deutsche, dein Vater Pole. Fühlst du dich als Deutscher oder als Pole beziehungsweise spielt Nationalität für dich überhaupt eine Rolle?

Doch. Ich weiß jetzt nicht, ob ich da eine Ausnahme bin. In der Vergangenheit antworteten die Danziger, wenn sie gefragt wurden, ob sie Deutsche oder Polen seien immer ‚wir sind Danziger‘. Danzig war Freistaat, man hatte eigene Pässe und so weiter. Es war eine Mischung der verschiedenen Kulturen.

Ich fühle mich mehr mit Deutschland verbunden als mit Polen. Das mag daran liegen, dass ich nie viel Zeit mit meinem polnischen Vater verbracht habe, sondern immer mit meiner deutschsprachigen Mutter und diesem Teil der Familie. In erster Linie fühle ich mich aber als Danziger, wenngleich mit deutschen Wurzeln.

Da geht es mir, glaube ich, ähnlich wie meiner Mutter. Wenn beispielsweise mein Stiefvater nach einem verlorenen Fußball-Länderspiel gegen Deutschland sagte ‚du, wir haben verloren‘, sagte meine Mutter ’sprich für dich, wir haben gewonnen‘. Also,  ich fühle mich als Danziger mit deutschen Wurzeln.

Und deswegen fühle ich mich hier in Danzig zurzeit auch noch wohler als in Deutschland. So, wie man hier seit einigen Jahren mit der Geschichte umgeht, dass man die deutsche Vergangenheit der Stadt wieder thematisiert und alte Inschriften und dergleichen wieder hervorholt, das finde ich schön. Es erlaubt mir eine gewisse hybride Identität – und das hat nichts zu tun mit Nationalismus –, und die kann ich hier viel besser pflegen als in Deutschland.

Aber: Wie ich schon sagte, wenn jetzt hier alle Stricke reißen sollten, dann wäre für mich meine Heimat in Deutschland und nicht in Polen. in Berlin fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Und meiner Mutter geht es genauso, obwohl sie manchmal nur für ein paar Tage in Deutschland ist.

Es ist komisch, aber man empfindet es mehr so wie eine Familie. Wenn in Deutschland etwas Schlimmes passiert oder die Menschen dem Populismus folgen, dann ist das zwar genauso schlecht als wenn die Polen dies tun, aber es bleibt trotzdem meine Familie. Da kann ich mich mit den Schwachstellen besser abfinden als hier, wo ich viel schärfer auf Missstände reagiere.

Ich finde es großartig, dass ich hier mittlerweile alles ein kann, was ich möchte. Dass ich hier wieder deutsch sprechen kann, dass ich Germanistik hier studieren könnte, wenn ich wollte. Dieses freie Danzig ist wundervoll!

Andreas, vielen Dank für das Interview!

Falls du jetzt neugierig auf Danzig geworden bist: Weitere Artikel mit den spannendsten Orten für Entdecker und Genießer in Danzig findest du unter dem Stichwort „Danzig„.

Wenn du nach Danzig fährst, kann ich dir eine Tour mit Andreas Kasperski von ganzem Herzen empfehlen. Touren mit ihm kannst du unter http://www.3citytour.com/ buchen.

Fotocredit: Alle Bilder von Andreas Kasperski

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