CRAFT BEER ENTDECKEN GENIESSEN

„Craft Beer ist Jedöns“ – Ein Interview mit Esther Isaak de Schmidt-Bohländer zum aktuellen Craft Beer Trend

Craft-Beer-Sorten

„Craft Beer ist Jedöns.“

So klar und deutlich drückte Esther Issak de Schmidt-Bohländer neulich im Interview mit MojitoPapers (MP) ihre Meinung zur Craft-Beer-Debatte aus.

Der Name Esther Isaak de Schmidt-Bohländer ist ein Begriff in der Bierszene. Seit Jahren setzt sich die gebürtige Paraguayerin und Wahlhamburgerin für besseres Bier und Biervielfalt in Deutschland ein.

Sie ist Bierliebhaberin mit Herz und Seele. Sie ist Bierexpertin. Sie schreibt auf Bierguerilla.de rund ums Thema Bier. Sie hat die deutsche Sektion der Barley’s Angels, einem Bierclub für Frauen, mitgegründet. Und sie betreibt seit 2005 mit dem Bierland Hamburgs ältesten Craft Beer Shop oder, wie sie bevorzugt, Hamburgs ältestes Bierfachgeschäft.

Die inzwischen waschechte Hanseatin kann nämlich mit Craft Beer so gar nichts anfangen. Im Interview mit MP redet sie Tacheles, erklärt was für sie ein gutes Bier ausmacht und bezieht Stellung zur gegenwärtigen Craft-Beer-Debatte.

Esther Isaak de Schmidt-Bohländer in ihrem Bierland, dem ersten Bierfachgeschäft in Hamburg
© Esther Isaak de Schmidt-Bohländer

Esther, wie bist du zur Bierliebhaberin und -expertin geworden?
In Kurzform: Trinken, Lesen, Trinken, Lesen und viele persönliche Kontakte zu Experten.

 

Seit 2005 leitest du mit dem „Bierland“ Hamburgs ältesten Craft Beer Shop. Wie ist es dazu gekommen?

Mein Laden ist ein Bierfachgeschäft, das die Biere anbietet, die der Kunde gerne hat und dem Kunden gerne Biere ans Herz legt, die ihm auch gefallen könnten.

Wir sind mit meinem Vorgänger Siegbert Zilz, der in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre das Geschäft radikal umgestaltete, seit Jahrzehnten im Stadtteil verwurzelt.

Mit dem „Gewese“ der Werbeagenturen und dem konzerngesteuerten „Craft Beer Speech“ haben wir nichts zu tun.
Als ich 2005 den Laden übernahm, war mein einziges Ziel, dem komplexen Produkt Bier das Image zu geben, das es verdient. Alles andere haben die Kunden entschieden.

Mir ist es wichtig, dass ein Kunde, der ein neues Bier auf meine Empfehlung probiert, zu Hause vor Begeisterung auf mich und den Laden anstößt. Craft Beer ist Jedöns!

 

Was ist dein Problem mit dem Begriff „Craft Beer“?

Craft Beer ist kein deutsches Wort und darum geht es uns auch nicht zu Herzen. Wir können damit nichts anfangen. Das Marketingwort „Reinheitsgebot“ überfordert den Kunden schon. Der Begriff Craft Beer ist von Werbern für Werber.

Das große Problem ist, dass wir ja auch das Wort „Kraft“ haben, das nun mit Handwerk gar nichts zu tun hat. Es führt nur zur Verwirrung.

In Spanien heißt es Cerveza Artesanal. Das passt. Allein in Europa werden circa 230 Sprachen gesprochen und Deutsch ist die Sprache mit den meisten Muttersprachlern in Europa. Englisch ist eine wunderbare Sprache, aber sie ist maximal die Zweitsprache und in Hamburg-Wandsbek erreiche ich in dieser Sprache nicht das Herz der Menschen. Das ist für die Einheimischen Tüdelkram, dünn angerührt oder Jedöns. Wenn wir authentisch sind, sind wir am erfolgreichsten.
Ich kenne keine schlüssige Definition von Craft Beer, die zwei bis drei Nachfragen standhalten kann. Es ist eben nur ein Marketingbegriff, um sich von „Anheuser Bush InBev“ abzugrenzen. In den USA macht es sicherlich Sinn, hier bei uns nicht.

 

Wie schätzt du die Craft-Beer-Entwicklung in Deutschland ein? Handelt es sich um einen kurzen Trend oder ein bleibendes Phänomen?

Interessanterweise fragen mich das neuerdings einige. Wir haben noch nicht einmal eigene Begriffe in unserer Sprache gefunden. Also ist es maximal ein Trend, aber keine Bewegung. Meine persönliche Hoffnung ist, dass diejenigen, die Craft Beer vermarkten, bald in der Becks-Liga aufgenommen sind und wir uns endlich wieder um gutes Bier kümmern können.

Es kommt so viel Müll auf, der einfach in der deutschen Vermarktung überhaupt keinen Sinn macht wie zum Beispiel „Imperial Pilsener“ anstatt „Heller Bock“. Das sind diese Phänomene, die ich einfach ablehne. Die aktuelle Entwicklung wird uns ein paar wirklich gute Biere hinterlassen, aber wir müssen weg von den Marketig-Titeln, hin zum Bier und zum Konsumenten.

 

Gibt es Begleiterscheinungen des Craft-Beer-Trends, die dich besonders stören?

Es läuft prima und ist hoffentlich in 15 Monaten vorbei! Die Anzeichen dafür sind jedenfalls sehr gut.

 

Hat sich die Kundschaft in deinem Laden verändert, seit Craft Beer zum Trend
geworden ist?

Eigentlich nicht. Ein paar Strenggläubige kommen nicht mehr. Das ist normal, wenn man so aufgestellt ist wie wir. Wir weigern uns, Bier zu diskriminieren, das dem Kunden schmeckt.

 

Kannst du dich noch daran erinnern, wann du dein erstes Craft Beer getrunken
hast?

Da ich ja nicht weiß, was ein Craft Beer ist, fällt es mir schwer, die Frage zu beantworten. Jedoch gibt es aus der Zeit, als Fritz Wülfing [heute mit „Ale-Mania“ in eigener Brauerei, Anmerk. MP] noch in seinem Garten braute diese Erinnerung an ein Stout von ihm in der 0,75l Flasche, das ich an Himmelfahrt mit einem Freund in Altona auf einer Bank mit Blick auf die Elbe vernichtet habe. In meiner Erinnerung hatte es um 9 % Vol. Alkohol und unsere Ehepartner mussten uns Verklärte danach nach Hause fahren.

 

Hast du persönliche Lieblingsbiere?

Boa. Das sind zu viele und da meine Biere und ich eine enge Beziehung pflegen, würden sie mir schnaubend aus dem Regal fallen, wenn ich jemanden bevorzugte.

Mir ist wichtig, dass die Biere auch gut zum Essen passen. Außerdem muss ein Bier vom Antrunk bis ins Herz eine Spur der  Begeisterung hinterlassen.
Was vielleicht keiner ahnt, aber ich trinke sehr wenig Alkohol. Das Leben ist so aufregend, dass ich es schon nüchtern kaum genug feiern kann.

 

Gibt es für dich deutsche Brauereien, die aus der Masse der deutschen
Craft-Beer-Brauer herausstechen? Und wenn ja, warum?

Allgemein gesagt: Wenn die Biere einer Brauerei sich über mehr als fünf Jahren auf den Bestplätzen bei „RateBeer“ halten und wenn die Angestellten nicht im Traum an einen Jobwechsel denken, dann macht eine Brauerei wohl vieles richtig.

 

Finden bei dir im Laden auch Tastings statt?

Wir veranstalten circa 50 Verkostungen jährlich. Es sind bisher immer Gruppen, die an uns herantreten. Da wir aber unsere Lottolizenz zurückgeben und dadurch zeitliche Kapazitäten gewinnen, werden wir wohl zukünftig auch offene Verkostungen anbieten.

Esther, vielen Dank für das Interview!

Craft-Beer-Sorten im Bierland HAmburg
© Esther Isaak de Schmidt-Bohländer

Wenn du dich von der spitzenmäßigen Bierauswahl im Bierland überzeugen möchtest, findest du den Laden in der Seumestrasse 10 in Hamburg. Öffnungszeiten Di.- Fr.: 12 – 20 Uhr, Sa.: 10 – 18 Uhr; montags geschlossen. Telefon, auch für Tasting-Termine: 040 20 89 71.

Wie stehst du zur Craft-Beer-Debatte? Ist Craft Beer eine Bewegung oder nur ein Trend? Ist es an der Zeit, dass wir eigene Begriffe für das finden, was momentan unter Craft Beer läuft? Teile deine Gedanken mit uns in den Kommentaren!

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  1. Nina Zimmermann

    Ein erfrischendes Interview! Auch ich kann dem Marketing-Begriff craft beer wenig abgewinnen, zumal seine Verwendung keineswegs gute Qualität oder ein gutes Preis-Leistungsverhältnis garantiert (aber: welcher andere Begriff würde das schon?). Wie auch immer man es nennt, ich glaube nicht, dass die Sache ein vorübergehender Trend ist. Es ist zumindest meine Hoffnung, dass von dem derzeitigen Interesse nach Biervielfalt und neuen Geschmackserlebnissen etwas Bierkultur beim Konsumenten hängen bleibt. Zum Beispiel, dass die Leute mit wachsender (Bier-)Erfahrung sich nicht mehr so stark auf Marketingbegriffe verlassen, sondern darauf achten, was ihnen schmeckt, ob ihnen gefällt, wer es wo, wie und womit gebraut hat, und ob sie davon später gerne ein zweites haben mögen. Und diese dann bei Handel und Gastronomie einfordern. Ob es sich dann um ein neumodisches „craft beer“ handelt oder um ein ganz altmodisches, handwerklich hergestelltes Bier aus einer traditionsreichen Familienbrauerei ist dann hoffentlich irgendwann egal. Übrigens, das kommt auf den Fotos aus dem Bierland nicht so rüber, aber solche aus der letzten Kategorie hat Esther, weitsichtig wie sie ist, natürlich auch im Angebot ;-). Imperial Pilsener oder Heller Bock, Hauptsache es schmeckt!

    • Hey Nina,

      vielen Dank für deinen ausführlchen Kommentar und dein Lob!

      Ich tue mich auch schwer mit dem Begriff „Craft Beer“, nutze ihn aber doch immer wieder in Ermangelung eines besseren bzw. auch aus Gründen der Lesergewohnheit. Mir gefällt die Begriffe „Kreativbier“ und „Handwerksbier“, wobei diese zunächst auch sehr schwammig bleiben.

      Aber egal, wie man es nennt,ich teile deine Einschätzung, dass wir es hier mit mehr als einem kurzlebigen Trend zu tun haben. Zumindest, was das Bewusstsein der Verbraucher und den Wunsch nach Biervielfalt angeht.

      Ich hoffe, dass es in Zukunft selbstverständlich sein wird, dass sich Restaurantbetreiber Gedanken machen, welche Biere zu ihren Speisen passen, dass Bier in seiner ganzen Viefalt dauerhafter Bestandteil der alltäglichen Bier- und Braukulturen bleibt und dass solch tolle Läden wie Esthers „Bierland“ mit ihrer hervorragenden Beratung und -Auswahl feste Anlaufstellen für alle Bierbegeisterten bleiben!

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