Gose. Gechichte eines Bierstiels
BIER DEUTSCHLAND

„Was unter den Blumen die Rose, ist unter den Bieren die Gose“

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Die Geschichte der Gose im Zeitraffer, erzählt von ihr selbst

Gose. Gechichte eines Bierstiels

Es gibt Bierstile, die sollen gefällig sein und möglichst vielen Menschen schmecken. Und dann gibt es Bierstile, die sollen zwar auch möglichst vielen Menschen schmecken, aber sie dürfen auch polarisieren. Von vielen geliebt, von einigen verabscheut. Ein Bier mit Charakter eben. So wie ich.

Gestatten: Gose mein Name!

Ich bin ein Weizenbier und zeichne mich besonders durch feine Salz- und Zitrusaromen sowie eine mal mehr, mal weniger ausgeprägte Säure aus. Diese Charakteristiken werden durch die Zugabe von Milchsäure, Koriandersamen und Salz erreicht.

Ich kann auf eine lange und ziemlich bewegte Geschichte zurückblicken. Einst ein großer Star unter den Bierstilen, kam irgendwann der große Fall. Und dann der Neuanfang. Etwas neu eingekleidet, bin ich mittlerweile längst wieder eine bekannte Größe in der Bierwelt. Aber am besten der Reihe nach.

Gose – Kindheit und Jugend

Gose. Gechichte eines Bierstiels
Quelle: Bild von Udo Voigt auf Pixabay

Geboren werde ich in der Stadt Goslar im Harz. Der Fluss Gose, mit dessen Wasser ich gebraut werde, ist mein Namensgeber. Bereits um das Jahr 1000 herum bezeichnet sich Kaiser Otto III. als ein großer Fan von mir.

Meine erste urkundliche Erwähnung findet sich allerdings erst im Jahre 1397, als die Stadt Goslar dem Bischof von Hildesheim zum Dank für einen Gefallen ein ganzes Fass von mir schenkt. Ich bin zu diesem Zeitpunkt weit über die Stadtgrenzen hinaus populär und werde für Goslar ein wichtiges Exportgut.

Dann bricht im Jahre 1618 der 30jährige Krieg aus. Mit ihm verlagert sich meine Produktion sukzessiv nach Osten.

Schließlich erreiche ich um die Mitte des 18. Jahrhunderts herum die Stadt Leipzig.

Dort werde ich schnell zum absoluten Rockstar unter den Bieren. Sogar Goethe ist ein Freund von mir. Sprichwörter wie „Was unter den Blumen die Rose, ist unter den Bieren die Gose“ zeugen von meiner großen Beliebtheit in der Messestadt.

1826 fällt mir meine Geburtsstadt in den Rücken. Goslar entschließt sich, meine Produktion einzustellen und konzentriert sich an meiner statt von nun an auf ein untergäriges Bier, das auf den Namen „Pilsner“ hört. Nur einige wenige halten mir nach wie vor die Treue. Leider vergebens, mein entfernter Verwandter entspricht einfach mehr dem Zeitgeist.

Na gut, dann ziehe ich halt in die weite Welt.

Gose – Jahre des großen Ruhms

Gose. Gechichte eines Bierstiels

Ende des 19.- und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bin ich dann auf dem Höhenpunkt meines Ruhmes. Was für eine Zeit!

In zahlreichen Städten werde ich gebraut. Alleine Leipzig zählt als „Gosehauptstadt“ mehr als 300 Gosenschänken, wie die Lokale, in denen ich ausgeschenkt werde, auch heute noch genannt werden.

Doch wie es immer ist mit den schönsten Momenten: Sie gehen viel zu schnell vorbei! In meinem Fall kommt erst ein Weltkrieg, dann ein weiterer. Bin ich doch wenigstens in Leipzig nach wie vor populär, naht spätestens mit Kriegsende 1945 auch das meinige.

Die Brauereien werden vergesellschaftet, viele Anlagen demontiert. Ich werde zunehmend zur Randfigur.

Angeblich steht der Aufwand meiner Produktion in keinem Verhältnis zu dem Ertrag, den ich liefere. Die Kapazitäten werden für die „Brot und Butterbiere“ gebraucht.

Immerhin kann man mich noch bis 1966 in Leipzig finden.

Gose – Tot und Wiedergeburt

Gose. Gechichte eines Bierstiels

Dann lässt auch die letzte Brauerei mich fallen. Den Aufprall überlebe ich nicht. Plötzlich bin ich nur noch Erinnerung, ein Geist ohne Heimat. Aber immerhin als solcher existiere ich weiter.

1983 – 17 Jahre bin ich nun totgesagt – dann endlich der erste Wiederbelebungsversuch. Die legendäre Gosenschänke „Ohne Bedenken“ öffnet nach knapp 30 Jahren Zweckentfremdung wieder ihre Zapfhähne.

Allerdings stehe ich noch etwas neben mir. Sie versuchen mich durch die Umwandlung einer Berliner Weisse zu erschaffen. Naja, der Wille zählt.

1991 dann ein weiterer Wiederbelebungsversuch. Und diesmal gelingt er. Lothar Goldhahn braut mich in Dahlen, knapp 60 Kilometer von Leipzig entfernt, in der Löwenbrauerei. Goldhahn und Löwe: Wenn das nicht nach einer vielversprechenden Zukunft klingt!

Zwei Jahre später wollen mich auch die Goslaer wieder. Andreas Wagenführer holt mich 1993 nach einem Rezept aus dem Jahre 1869 zum ersten Mal wieder in meine Geburtsstadt zurück. Ich komme langsam wieder in Schwung. Schritt für Schritt taste ich mich ans Licht zurück.

Im etwa 40 Kilometer von Leipzig entfernten Döllnitz bin ich spätestens seit 1999 unter dem Namen „Rittergutsgose“ wieder fester Bestandteil des Brauprogramms.

Zwar werde ich inzwischen mit einer obergärigen Hefe aus Reinzucht kontrolliert- und nicht mehr spontan vergoren, doch dieses neue Gewand steht mir recht gut. Ich scheine zwar noch immer nicht wieder dem Zeitgeist, wohl aber dem Geschmackssinn vieler Bierenthusiasten zu entsprechen.

Gose – wiedergekommem, um zu bleiben

Gose. Gechichte eines Bierstiels

Zumindest bin ich von nun an zurück. Wiedergekommen, um zu bleiben, gewissermaßen.

2000 eröffnet im Bayerischen Bahnhof eine weitere Gosebrauerei. Auch in Goslar habe ich mich inzwischen wieder dauerhaft niedergelassen. Seit 2004 braut mich Odin Paul im „Brauhaus Goslar“.

2019 gibt es neben der Braustätte in Goslar vier Brauereien in und um Leipzig herum, die ausschließlich oder aber anteilig dauerhaft eine Gose brauen.

Im Rahmen der weltweiten Rückbesinnung auf historische Bierstile werde ich zunehmend berühmter. Besonders in den USA braut und trinkt man mich gerne.

Aber auch andernorts erfahre ich ständige Neuinterpretationen, insbesondere durch die Zugabe von Früchten oder Saft.

Was mich jedoch besonders freut, ist die Tatsache, dass mich mittlerweile Bierliebhaber aus der ganzen Welt in meiner Geburtsstadt Goslar oder meiner Wahlheimat Leipzig besuchen kommen.

Und egal, wie was für eine Sprache meine Besucher sprechen, ein Wort bringe ich ihnen allen bei: „Goseanna!“.

Das sagen die Gosekenner, wenn sie mit mir anstoßen. Also dann, goseanna! Auf mich und meinen Charakter.

Gosebrauereien in Leipzig und Goslar:

Leipzig

Gosenschenke Ohne Bedenken

Gose. Gechichte eines Bierstiels
© Gosenschenke Ohne Bedenken

Die Traditionsgoseschänke im Leipziger Stadtteil „Gohlis-Süd“ ist die einzige an historischer Stelle existierende Gosenschänke weltweit.

Seit 2017 braut Chef Jens Gröger eine eigene Gose, die „Edelgose“. Diese räumte 2019 bei den „World Beer Awards“ in London eine Goldmedaille ein.

Im Inneren der Schänke scheint die Zeit stillzustehen. Das Mobiliar erinnert an die mehr als 100 jährige Geschichte der Gaststube.

Die Gosenschänke besitzt außerdem Leipzigs größten Biergarten, wo es sich im Sommer ganz wunderbar sitzen lässt.

Der Name „Ohne Bedenken“ geht übrigens auf den Kellner Karl Schmidt zurück. Dieser antwortete immer auf die Frage „Kann man das Gesöff Gose auch trinken?“ mit dem Satz „Ohne Bedenken“.

Adresse & Öffnungszeiten; Website

Bayerischer Bahnhof

Seit 2000 wird im ältesten noch erhaltenen Kopfbahnhof der Welt Gose gebraut.

Braumeister Matthias Richter setzt dabei auf eine sehr ausgewogene Gose. Das Salz ist hier viel weniger Präsent als in den Gosen der anderen Brauereien.

Ein Großteil der hier produzierten Gose wird in die USA exportiert, wo Leipziger Gose hoch im Kurs steht. Der Brauerei ist ein großes und urgemütliches Gasthaus  angegliedert, in dem man auch ganz hervorragend essen kann.

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Ritterguts Gose

Die Ritterguts Gose wird nicht in Leipzig selbst, sondern in Zusammenarbeit mit der Brauerei Reichenbrand in Chemnitz produziert. Sie gehört zu den bekanntesten Gosen aus der Region und gewann bereits einige Preise bei internationalen Wettbewerben.

Die Ritterguts Gose ist in vielen Gastronomien im Raum Leipzig zu finden und wird mittlerweile in zwölf Länder exportiert. Hier findest du eine Übersicht zu Lokalen, die die Ritterguts Gose im Ausschank haben.

Website

Ratskeller Leipzig

Auch eines der traditionsreichsten Lokale in Leipzig braut eine eigene Gose. Hier, in den gemütlichen Kellerräumen des Neuen Ratshauses, hat Zeit noch eine andere Bedeutung. Hinkommen, entschleunigen, Goseanna!

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Goslar

Brauhaus Goslar

Die Gasthausbrauerei in Goslar bietet eine helle und eine dunkle Gose sowie viele mit Gose zubereitete Gerichte an.

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