POLEN

Danzig Zaspa – Vom Flughafen zum bunten Plattenbau-Stadtteil

Zaspa in Danzig entdecken!

Der Stadtteil Zaspa in Danzig sieht auf den ersten Blick wenig einladend und interessant aus. Eine Hochhaussiedlung aus der Sowjetzeit. Erst bei näherer Betrachtung offenbart er seine Besonderheit. Und überrascht. Zaspa ist seit den 1990er Jahren zu der größten Freiluftgalerie für großflächige Wandgemälde gewachsen. Die Geschichte vom Wandel eines Stadtteils.

Dieser Artikel ist übrigens Teil der Serie „Danzig entdecken“ hier auf MojitoPapers!

Vorwort

Dieser Artikel beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung des Danziger Stadtteils Zaspa von einer einheitsgrauen Wohnblock-Siedlung hin zur bunten, beliebten Wohngegend.

In diesem Zusammenhang gehe ich exemplarisch der Frage nach, welchen Einfluss Kunst auf die Entwicklung eines Stadtteils ausüben kann und schaue, in welchem Verhältnis selbige in Zaspa zur Stadtplanung stand.

Des Weiteren fragt der Artikel auch nach den Auswirkungen des Wandels Zaspas für die Anwohner.

Es ist also ein eher theoretischer Hintergrundartikel geworden und nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, ein praxisorientierter Stadtteil-Guide durch Zaspa.

Die großflächigen Wandbilder und ihre Geschichte werden auf der Website des Monumental Art Festivals ausführlich erklärt und im Internet finden sich bereits einige (englischsprachige) Artikel, die einen persönlichen Rundgang durch Zaspa mit den dazugehörigen Eindrücken beschreiben.

Einen Artikel, der sich in der von mir oben geschilderten Weise mit den Hintergründen Zaspas und seiner Entwicklung beschäftigt, habe ich im Gegensatz dazu nicht gefunden.

Deshalb habe ich ihn nun geschrieben. Viel Freude beim Lesen!

Zaspa – Vom Flugplatz zur Siedlung

Dort, wo sich jetzt die Hochhäuser aneinanderreihen und Zaspa formen, befand sich von 1910 bis 1974 der erste Flughafen Danzigs. Aufgrund seiner innenstadtnahen Lage konnte er jedoch nihct mit dem Passagieraufkommen wachsen und so wurde er mit der Eröffnung des neuen Lech-Wałęsa-Flughafens 1974 schließlich aufgegeben.

Auf der zurückgelassenen Brache entstand dann eine der größten Wohnsiedlungen Polens – das heutige Zaspa. Auf einer Fläche von 3,3 km² zählt es über 27 000 Einwohner. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von über 8000 Einwohnern/km².

Die Flughafenvergangenheit ist übrigens auch heute noch deutlich sichtbar: Zwischen den Häusern bilden Teile der Start-und Landebahnen den Untergrund und sind deutlich als solche erkennbar.

Was damals als großes Fortschrittsprojekt angelegt war, klingt heute erst einmal nach beengten Wohnverhältnissen mit den entsprechenden negativen soziokulturellen Begleiterscheinungen. Tatsächlich jedoch hatte Zaspa nie mit diesen Problemen zu kämpfen.

Dies mag zum einen daran liegen, dass die Wohnungen sowohl damals als auch heute als guter Wohnstandard gelten, das Viertel infrastrukturell gut an den Rest Danzigs angebunden ist und viele Grünanlagen auflockernd zwischen die riesigen Häuser gesetzt wurden.

Zum anderen aber – und das ist meiner Einschätzung nach der wichtigere Punkt – gab und gibt es eine starke Verbundenheit der Bewohner Zaspas sowohl untereinander als auch zum Stadtteil. Doch wie kam diese zustande? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns etwas tiefer in die Sozialgeschichte Zaspas graben.

Ein Stadtteil für die Werftarbeiter

Zaspa wurde damals vor allem für die Arbeiter der Leninwerft in Danzig gebaut. Es gab also eine Bündelung ähnlicher politischer Interessen im Viertel.

Zapsa  gehörte in den 1980er Jahren zu den Zentren der Streikbewegung, aus der dann schließlich die Solidarność hervorging. Auch der langjährige Vorsitzende der Solidarność und spätere Staatspräsident Polens, Lech Wałęsa, wohnte damals in Zaspa.

Durch die damalige sozialistische Wohnungsverteilungspolitik bekamen auch viele Akademiker eine Wohnung in Zaspa. Auch unter ihnen gab es eine breite Untersützung der Solidarność.

Im Juni 1987 hielt Papst Johannes Paul II in Zaspa eine Messe, zu der mehr als 1 Million Menschen kamen und die nicht von ungefähr genau in diesem Stadtteil stattfand. Auch dieses Ereignis hatte eine festigende Wirkung auf die Verbundenheit der Anwohner mit ihrem Stadtteil.

Die wilden 1990er Jahre

In fast allen Staaten, die früher zur Sowjetunion gehörten, waren die 1990er Jahre eine in vielerlei Hinsicht wilde Zeit. Der Wandel von sozialistischer Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft in Reinform passierte quasi über Nacht und riss riesige Lücken in die Gesellschaften.

Die Staaten mussten ihre neuen politischen Systeme erst festigen und hatten zunächst keine Mittel und Wege, den mit dem Wandel einhergehenden Problemen adäquat zu begegnen.

Dies hatte natürlich weitreichende Folgen in vielerlei Bereichen und Hinsicht. Unter anderem entwickelten sich in den Städten schnell bestimmte stark vernachlässigte Wohngebiete, in denen organisierte Banden das sagen hatten und die es, wenn möglich, zu meiden galt.

Zaspa hat dieses Schicksal jedoch nie ereilt. Zum einen behielten viele der Anwohner sowohl ihre Arbeit als auch ihre Wohnung in Zaspa. Somit bestanden diese festigenden Konstanten der Anwohnerschaft im Viertel weiter fort.

Zum anderen wurden dort 1997 – anlässlich des 1000 jährigen Bestehens der Stadt Danzig – die ersten großflächigen Wandgemälde gestaltet und haben eine Entwicklung in Gang gesetzt, die Zaspa nachhaltig verändert hat.

Kunst als Komponente der Stadtteilentwicklung in Zaspa

Tatsächlich ist Zaspa eines der besten Beispiele dafür, wie sich durch Kunst der Charakter und die Wahrnehmung eines Stadtteils nachhaltig verändern und prägen kann.

Wie bereits beschrieben, war Zaspa zwar zu keiner Zeit ein „Problemstadtteil“ Danzigs, aber halt auch nicht gerade schön. Die großen Wohnblöcke standen dicht an dicht und grau in der Landschaft herum.

Wer solche funktionalen Wohnviertel aus Sowjetzeiten kennt, der weiß, dass sich der einzelne Mensch dort eher klein und unbedeutend vorkommt. Diese Viertel wurden für eine Masse an Menschen gebaut, nicht, damit sich der einzelne darin wohlfühlt. Es herrscht oftmals eine anonyme und eher triste Stimmung außerhalb der Wohnungen. Diese wurde in Zaspa jedoch durch eine großflächige Begrünung der Zwischenflächen gemindert bzw. aufgehoben.

Dennoch wollten in den 1990er Jahren zwar die meisten der alteingesessenen Anwohner im Viertel wohnen bleiben. Allerdings wollten jedoch kaum neue Menschen in das Viertel ziehen. Eine homogen ältere Anwohnerschaft, Leerstand und ein schlechtes Image tun keinem Stadtteil auf Dauer gut und so suchte die Stadt Danzig nach Strategien, Zaspa auch für jüngere Menschen wieder attraktiv zu machen.

Die ersten Murals

Dann kam das Jahr 1997 und Danzig wurde 1000 Jahre alt. Anlässlich dieses Geburtstages organisierte der Danziger Künstler Rafał Roskowiński ein Wandmalereien-Festival und bekam von der Stadtverwaltung dafür einige Wände in Zaspa zur Verfügung gestellt.

So entstanden die ersten großflächigen Bilder in Zaspa.

Die Murals enthielten einen Stadtteilbezug und setzten sich mit den Errungenschaften der Werftarbeiter oder mit der Geschichte Zaspas als wichtiges Zentrum der Streikbewegung auseinander.

Die Bilder gefielen den Anwohnern und ließen neben bunten Farbtupfern auch den Stadtteilpatriotismus im Viertel wieder aufleben. Schließlich waren viele der Anwohner auch schon damals in Zaspa wohnhaft und hatten die Streiks mitgetragen.

In der Folge des Festivals wurde Zaspa etwas bekannter innerhalb Danzigs und die ersten kunstinteressierten Besucher kamen aus anderen Stadtteilen, um sich die Wandmalereien und das Viertel einmal „live“ anzusehen.

Die Entstehung der Galerie

Aber auch wenn das Festival einige positive Wirkungen auf den Stadtteil hatte, blieb ein genereller Imagewandel und der Zuzug jüngerer Menschen aus.

Das sollte sich erst ab 2009 rasant ändern.

2009 wurde die Idee, in Zaspa eine Galerie für Murals zu schaffen, im Rahmen der Bewerbung Danzigs zur Kulturhauptstadt Europas 2016 wiederbelebt.

Plötzlich war die Bühne frei für eine Neuauflage des Festivals, dessen Kuration der polnische Künstler Piotr Szwabe übernahm. Die organisatorische Verantwortung für das Festival, dem der Name „Monumental Art Festival“ gegeben wurde, übernahm das neugegründete „Instytut Kultury Miejskiej„, ein Kulturinstitut der Stadt Danzig.

Ziel war es, das Festival in jährlicher Auflage bis 2016 zu wiederholen und so die größte Wandgemäldegalerie Europas mit Bildern von Mural-Künstlern aus der ganzen Welt zu kreieren.

Doch die Galerie sollte nicht nur für sich stehen, sondern in den Stadtteil integriert werden. Die Murals sollten sowohl einen Bezug zum Stadtteil oder der Stadt Danzig herstellen und die einheitlich grauen Fassaden Zaspas in vielseitige bunte Kunstwerke transformieren als auch den Anwohnern einen täglichen Umgang mit Kunst ermöglichen und eine identifikationsstiftende Wirkung auf sie ausüben.

Gleichermaßen sollte durch die Kunstwerke ein Imagewandel Zaspa erfolgen und den Stadtteil vor allem für jüngere Zuzügler interessant machen.

Beteiligung der Anwohner

Um diese Ziele zu erreichen, wurden die Anwohner in das Projekt eingebunden. Da die Idee des Festivals auf großes Interesse und Zustimmung in Zaspa stieß, gelang die Einbindung vergleichsweise leicht.

Der wohl wichtigste Punkt aus Sicht der Bürgerbeteiligung und ein Alleinstellungsmerkmal der Galerie in Zaspa war die Ausbildung von Anwohnern des Viertels zu Tour Guides.

Diese Guides sollten einen authentischen Einblick in das Viertel vermitteln und die Geschichte des Festivals und der einzelnen Bilder mit Geschichten über Zaspa und das Leben dort verknüpfen.

Zaspa – Eine Erfolgsgeschichte

Auch wenn Danzig nicht Kulturhauptstadt Europas wurde (Breslau setzte sich letztendlich durch), wurde das Festival nicht nur beendet, sondern es kamen bis 2018 sogar noch einige Murals dazu.

Auf diese Art sind bis September 2018 nicht weniger als 60 Wandmalereien in Zaspa entstanden. Damit ist Zaspa die größte Galerie von großflächigenen Wandgemälden in Europa.

Superlative solcher Art ziehen natürlich Aufmerksamkeit auf sich. Das Monumental Art Festival und damit letztendlich auch der Stadtteil an sich waren seit 2009 häufiger Bestandteil nationaler, aber auch internationaler Berichterstattung.

Das gesteigerte mediale Interesse an ihrem Stadtteil verstärkte das Gefühl der Verbundenheit der Anwohner mit Zaspa noch mal. Gleichzeitig wurde Zaspa dadurch quasi über Nacht zur angesagten Wohngegend in Danzig.

Zaspa gilt mittlerweile aufgrund seiner Nähe zu Innenstadt und Strand, seiner soliden Wohnungen und aufgrund der vielen Murals als eine beliebte Wohngegend. Gerade jüngere Menschen und -Familien sind seitdem nach Zaspa gezogen.

Als Katalysator dieser Entwicklung hat das Monumental Art Festival mit seinen vielen Wandgemälden gewirkt. Schließlich bestanden die anderen Vorzüge des Viertels bereits seit seiner Gründung.

Zaspa ist also ein gutes Beispiel dafür, wie sich durch Kunst die Wahrnehmung und Entwicklung eines Stadtteils beeinflussen lässt.

Allerdings lässt sich immer häufiger beobachten, wie diese Wirkung von Kunst und Kultur gezielt zur Gentrifizierung mit allen ihren – für die alteingesessene Anwohnerschaft negativen – Auswirkungen von Stadtteilen eingesetzt wird.

Bleibt also die Frage, welche Auswirkungen die Aufwertung Zaspas auf die Anwohner hat.

Was bleibt für die Anwohner?

Nach meinen Recherchen hat die Aufwertung des Stadtteils keine negativen Auswirkungen auf die Anwohnerschaft Zaspas, sondern hat im Gegenteil Verbesserungen gebracht.

Größtes Problem von Gentrifizierungen sind langfristig die steigenden Lebenshaltungskosten im Viertel und damit einhergehend eine Verdrängung der einkommensschwachen Bevölkerung.

Diese Entwicklung ist in Zaspa nicht feststellbar. Die Wohnungen im Stadtteil sind zu einem Großteil Eigentumswohnungen und damit keinen Mietpreiserhöhungen ausgesetzt.

Zudem bestand kein vorherrschendes finanzielles Interesse hinter der Aufwertung Zaspas, sondern es kamen vielmehr nicht-monetäre stadtplanerische und kulturelle Gründe zum Tragen.

Ein erklärtes Ziel des Monumental Art Festivals war es, „den Anwohnern einen täglichen Kontakt mit Kunst“ zu ermöglichen. Dies ist laut Aussagen des Instytut Kultury Miejskiej und meinen eigenen Recherchen nach gelungen.

Bei meiner Tour durch Zaspa habe ich erlebt, wie eine ältere Dame aus dem Haus, dessen Bild ich gerade betrachtete, zu mir kam und mir voll Stolz zu verstehen gab, dass sie in diesem Haus lebe.

Ich habe auch mit einigen Anwohnern im Alter zwischen 20 bis ca. 40 Jahren gesprochen. Sie alle fühlen sich sehr wohl im Stadtteil. Viele von ihnen sind in den letzten fünf Jahren zugezogen und loben die Lage, die Infrastruktur und die gute Nachbarschaft. Auch die Bilder kamen zur Sprache, obwohl sie für die Anwohner schon Teil des Alltages und damit nicht großer Worte wert zu sein schienen. Aber auch dies spricht dafür, dass das Ziel, die Kunst zum alltäglichen Berührungspunkt der Anwohner zu machen, erfolgreich war.

Seit 2013 haben sich in Nähe des Bahnhofes „Zaspa“ mehrere Restaurants und Geschäfte angesiedelt. Vom Supermarkt bis zum vegetarischen/veganen Restaurant reicht die Palette. Diese wachsende Auswahl im Stadtteil wird von den Anwohner ebenfalls sehr begrüßt.

Durch die Aufwertung Zaspas gibt es unter den Anwohnern eine große Verbundenheit mit dem Stadtteil. Die Bilder haben dazu entscheidend beigetragen und sind Teil des Alltages geworden. Sie werden oft als Treffpunkte und Orientierungshilfen benutzt und erleichtern die Orientierung zwischen den ansonsten sehr uniformen Plattenbauten.

Fazit

Kunst kann einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung und Entwicklung eines Stadtteils haben.

Im Fall Zaspas hat sie dazu beigetragen, dass der Stadtteil für die Anwohner eine noch größerer Identifikationsebene bot. Gleichzeitig wurde Zaspa auch für andere Danziger interessant und ist mittlerweile eine beliebte Wohngegend für Danziger verschiedenen Alters.

Es zeichnen sich zum derzeitigen Zeitpunkt keine negativen Auswirkungen der Aufwertung Zaspas für die Anwohner ab.

Insofern stellt das Monumental Art Festival mit seinen 60 Murals eine großartige Erfolgsgeschichte dar, die hoffentlich in adaptierter Form viele Nachahmer auf der Welt finden wird.

Leider gibt es derzeit (Stand 2018) keine regelmäßigen von Anwohnern geleiteten Touren mehr durch Zaspa. Laut Aussagen ehemaliger Festivalmitarbeiter wird sich daran wohl in absehbarer Zeit auch nichts ändern.

Vereinzelnd werden noch Touren angeboten, jedoch ausschließlich in polnischer Sprache (die Termine für diese und auch andere von Anwohnern Danzigs durchgeführte Touren kannst du über das „Instytut Kultury Miejskiej“ einsehen).

Die besten Chancen auf eine Tour hast du zwischen Mai und September.

Alle Bilder der Murals und ihre Hintergrundgeschichte findest du auf der Website der Monumental Art Gallery. Dort gibt es auch eine Karte, anhand der du Zaspa und seine Kunstwerke auf eigene Faust erkunden kannst, ohne einige der Bilder zu verpassen (das passiert nämlich ohne Karte verdammt schnell 😉 !).

In diesem Sinne, viel Spaß beim Entdecken von Zaspa!

Mein Aufenthalt und die Recherche vor Ort wurden durch die Pommersche Tourismusorganisation PROT unterstützt, der ich herzlich dafür danke!

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